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intentions

Every lifeform goes through transition. Rarely will a human being metamorphosize like a butterfly. I didn’t. I am fully aware of my own artificialness. I feel compassion for the young person looking back at me from old pictures. We’re all Wretches of one Frankenstein or another. This is no word of warning – it’s just an account. I am political, very much so. I will leave you feeling uncomfortable. This may be useless to you. I am unpalatable to most. I have rendered myself inedible, but I have been left starving. The need to fill the world with answers is overwhelming. There is no truth. There is no relief.

I am a woman, who, from her earliest childhood on, understood that she felt what today’s discourse would call „gender dysphoria“. This is just a concept, those are just words to me. I have lived as a man and transitioned medically. I have transitioned back to living as a woman. I am here to tell my story.

Der Operierte Körper

So, wie es einen „Inneren Kreis“ [“Charmed Circle“] der moralisch überlegenen Sexualität gibt, herrscht mehr oder minder variabler Konsens darüber, was einen „guten“ Körper ausmacht – einen, dem eine bessere Position in der Hierarchie der Körper zugeteilt wird. „Gut“ wird in diesem Zusammenhang oft mit den Begriffen „natürlich” oder „authentisch“, „unverändert“ gleichgesetzt. Der operierte oder auf sonstige Weisen veränderte Körper ist eindeutig eine Abscheulichkeit. Sogar allein die kulturelle Rezeption von Frankensteins Kreatur sollte Beweis genug sein.

Seht ihr, wie ihr das als „Frankensteins Monster“ gelesen habt?

Stellt euch also vor, wie plötzlich Neue Menschen auftauchen, die mutig proklamieren, dass das Ende unserer Qualen in der Veränderung unserer Körper selbst liegt. Der Hochmut. Die Hybris! Nach so vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten, in denen wir uns einredeten, dass die Erlösung nur in unserer dürftigen, inneren Seele zu finden ist, in Askese und Langeweile, in fleißiger Arbeit und Sublimation. Das Fleisch mag schwach sein, aber wage es nicht, es „unnatürlich“ werden zu lassen! Das bleibt Tabu.

Hier ist eine unbequeme Wahrheit: plastische Chirurgie könnte tatsächlich unsere Erlösung sein.

Sie funktioniert nicht für alle. Sie könnte aber für manche funktionieren. Sie wird deine Nerven und Gefäße zerschneiden, wird dich vernarben. Sie könnte Taubheit oder Schmerzen hinterlassen. Sie könnte dafür sorgen, dass du etwas verlierst. Sie wird dich verändert, dein ganzes Selbst.

Und noch eine schwer verdauliche Wahrheit: wir sind unsere Körper.

Unsere Körper sind unsere Seele. Vielleicht werden wir sie nie verstehen oder das in ihnen sehen, was sie wirklich sind, aber sie sind alles, was wir haben und sind. Sie sind unsere Wahrheit – all unsere transgeschlechtlichen Wahrheiten. Das hier ist keine Vorlesung über Genetik oder Neurowissenschaften. Sogar ein traumatisiertes Kind wie ich kann ein ganz und gar „körperlich“ transgeschlechtlicher Mensch sein. Wir wissen nie, welchen Weg der wachsende Baum nimmt, wenn er durch den Asphalt bricht. Seine Form wird er dann behalten. Mein Trauma, wie auch mein Geschlecht, sind in meinem Körper eingeschrieben.

Eine letzte Wahrheit, vielleicht die unheimlichste.

Ich hatte vor der Operation unsägliche Schmerzen und als mir mein Pfund Fleisch endlich abgenommen wurde, hoffte ich, geheilt zu sein. Aber ich war es nicht, und diese erschreckende Tatsache hörte ich schon mehrere Male von verschiedenen Leuten. Leuten, die wie ich detransitionierten, und solchen, die nur eine Transition gemacht hatten und grundsätzlich zufrieden waren. Das Fleisch ist weg, aber nicht sein Abdruck in meinem Verstand. Irgendetwas ist geblieben, ich spüre es fast körperlich. Wir sind Geist-Körper neben unserem physischen Selbst. Unsere Geist-Körper folgen seltsamen, unergründlichen Trajektorien in unseren dunkelsten Tiefen.

Die beste Operation von allen wird stets nur deren äußere Bereich streifen.

Wenn ich meine Brust sehe, sehe ich einen geheimen Garten. Ich sehe meine verwundete Sexualität, meine versteckte Weiblichkeit. Ich sehe eine Geschichte von Liebe und Verlust, so groß wie eine griechische Tragödie. Wenn andere mich sehen, sehen sie das: ein Herz und viele Blumen. Nicht viel mehr.

The Operated Body

Just like there is a “Charmed Circle” of morally superior sex, there is a more or less variable consensus on what constitutes a “good” body – one which is offered a higher position in the hierarchy of bodies. “Good”, in this context, is often equated to “natural” or “authentic”, “unaltered”. The body which has been operated upon or otherwise altered is clearly an abomination. Even the cultural reception of Frankenstein’s Creature should be proof enough.

See how you misread that as Frankenstein’s “Monster”?

Now, imagine a New People arising, who bravely proclaim that the end of our suffering lies within the changing of our very bodies. The audacity. The hubris! After many decades and centuries of telling ourselves that salvation is only found in the meager soul within, in ascesis and boredom, in diligent work and sublimation. Perhaps the flesh is weak, but don’t you dare let it become “unnatural”! This remains taboo.

Here is an uncomfortable truth: plastic surgery might in fact be our salvation.

It doesn’t work for everyone. It may, however, work for some. It will cut your nerves and vessels, it will scar you. It could leave you numb or in pain. It might make you lose something. It will alter your very being, your Self.

And another truth to stomach: we are our bodies.

Our bodies are our souls. We may never understand them, we may never see them for what they are, but they are all we have and are. They are our truth – our very transgender Truths. This is no lesson on genetics and neuroscience. Even a traumatized child like myself can be a truly, “physically” transgender individual. We never know which route the growing tree takes when breaking through the concrete. Its twisted shape will then remain. My trauma, like my gender, is written in my flesh.

One final truth, perhaps the scariest one.

I felt the greatest pain before the surgery and when I finally had my pound of flesh removed, I hoped to be cured. But I wasn’t, and that is a scary reality I’ve heard several times from other people, too – those who, like me, detransitioned or even those who transitioned once and were in general content. The flesh is gone, but not its imprint in my mind. Something remained, I can feel it almost physically. We are mind-bodies beyond our physical selves. And our mind-bodies follow strange, unknowable trajectories within our depth and darkness.

The best of all surgeries can only touch their outskirts.

When I look at my chest, I see a secret garden. I see my wounded sexuality, my hidden womanhood. I see a tale of love and loss as great as a Greek tragedy. When others see me, they see this: a heart and many flowers. Nothing more.

Das unwillkommene Kind und ihr Todestrieb (Gedanken zur Polyvagal Theory)

„Weißt du, wie es ist, die Angst im Körper zu spüren?“, frage ich ihn, aber er verneint.

Viele Male in meinem Leben versuchte ich, meine Geisteszustände anderen zu erklären, aber vergeblich. Es war, als könnte niemand verstehen. Wenn in meiner Kindheit ein dunkler Sog mich ergriff und ich plötzlich verstand, dass nichts real war und ich gefangen in meinem Traum, konnte niemand mir helfen. Sicherlich nicht meine Mutter, die militant Nüchterne. Bereits im Erwachsenenalter entdeckte ich die psychologischen Begriffe, mit denen ich beschreiben konnte, was ich durchgemacht hatte. Freud wurde nicht mein Freund, aber wie der Titel dieses Textes andeutet, schätze ich Ferenczi und bin ein bisschen eine Kleinianerin. Ich fand und verschlang Nabokov und Kafka. In letzter Zeit las ich von der Polyvagal Theory. 

Um es so kurz zu sagen, wie möglich: die Polyvagal Theory beschreibt biopsychologische Zustände des menschlichen Körpers, nämlich die der Ruhe, der Gefahr und der akuten Bedrohung des Lebens. Die Dreiteilung ist dabei neu, da vorherige neurologische Ansätze nur zwischen „Ruhe“ und „Kampf oder Flucht“ unterschieden. Der dritte Zustand, das „Einfrieren“, ist die häufigste Reaktion sowohl auf ein traumatisierendes Ereignis als auch auf seine Folgen. Jeder kleine Auslöser kann die traumatisierte Person wieder in diesen Zustand versetzen, manchmal in Form von Dissoziation.

Was die Ursache in mir selbst war, wird für mich nie ganz klar zu sehen sein. Ich weiß von einigen Wunden an meinem psychologischen Körper, ich kenne Mangel und Hunger. Ich erinnere mich, fallengelassen worden zu sein. Ein unwillkommenes Kind ist nicht nur eines, das alleine, verlassen in einer Krankenhauswiege liegt. Nie gegebene oder wieder entzogene Liebe sind die Gründe für den „Todestrieb“, den Ferenczi zu einer Zeit beschrieb, als Mitgefühl und Fürsorge als unnötig galten, lediglich als ein Weg, ein Kind zu verwöhnen. Der „Todestrieb“ ist der Verlust des Lebenswillens. Er manifestiert sich auf vielfältige Weise.

Die Entscheidung, zu transitionieren, war für mich die Entscheidung, zu leben. Ich musste nur meinen eigenen Arm abschneiden, Nerven und Sehnen. Musste die Frau begraben – notfalls auch lebendig, wie in den alten Zeiten. Ich wollte so sehr leben, aber irgendwie konnte niemand helfen oder verstehen, warum ich mich in einer Lebensgefahr befand, vor der ich niemals davonlaufen konnte: wie eine Glasscherbe war sie in meinem eigenen Körper, in meinem Bauch, als hätte ich sie verschluckt.

The Unwelcome Child and Her Death-Instinct (Thoughts on the Polyvagal Theory)

“Do you know what it’s like to feel fear in your body?”, I ask him, but he denies.

Many times in my life, I tried to explain to others a mental state which I was in, but to no avail. It was as if nobody could possibly understand. When, in my childhood, the dark undercurrent ripped me away once again, when I suddenly understood that none of this was real and I was trapped in a dream, nobody would help me. Certainly not my mother, the militantly sober one. Already an adult, I discovered psychological terms to use for what I had gone through. I haven’t made friends with Freud, but as the title of this piece implies, I respect Ferenczi, and am a bit of a Kleinian. I found and devoured Nabokov and Kafka. And lately, I have been reading up on the Polyvagal Theory.

To put it the shortest possible way, the Polyvagal Theory describes bio-psychological states of the human body in situations of rest, looming danger and acute life-threat. This division into three parts is novel, for previous neurological explanations used to differentiate between “rest and digest” and “fight or flight” only. The third state, the “freeze”, is the most common response to a traumatizing event as well as its aftermath: any small clue can send the traumatized back into this third state, sometimes in the form of dissociation.

What caused this in me will never be fully clear to my eyes. I know of some wounds on my psychological body, I know of lack, of starvation. I remember being dropped. An Unwelcome Child is not only the infant that lies alone, abandoned in a hospital cradle. Love not given or love withdrawn is the cause of the “Death-Instinct” that Ferenczi described at a time when compassion and nurture were considered unnecessary, in fact, merely a way to spoil children. The “Death-Instinct” is the loss of the will to live. It manifests in many ways.

Choosing to transition was choosing to live for me. I merely had to cut off my own arm, nerves and tendons. Had to bury the Woman – if need be, alive, like in the ancient times. I wanted to live so badly, and somehow, nobody could understand or help me with the imminent danger I could never run from: like a glass shard, it was in my own body, in my gut, as if I had swallowed it.

Der Lange, Harte Weg aus der Hölle

[Essstörung, Antisemitismus]

I don’t need you,

I’ll say it to myself

It doesn’t mean I won’t need somebody

Anyone with half a soul

Will hear this and they’ll never leave me

– Marilyn Manson, “15”

Ein häufiges Vorurteil bezüglich Essstörungen ist, dass es darum geht, süß und zierlich zu sein, darum, „den Männern“ zu gefallen, oder der bösen Tante, die bei der Familienfeier anmerkt, man habe zugenommen. Das mag für manche der Fall sein, aber es verdeckt, worum es eigentlich geht: Macht und Kontrolle. Eine Essstörung ist eine Sucht.

Natürlich will ich die Aufmerksamkeit der Leute, aber nicht, um begehrt zu werden: ich will ihnen allen mit meinen Schlüsselbeinen die Augen herausschneiden. Ich will übermenschlich sein, niemals auf Nahrung oder Liebe angewiesen, eine Maschine in zerstörerischer Hitze. Der Psychologe Jochen Peichl verweist auf Robert Menasses Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“, in dem ein junger österreichischer Jude, ohne von seinem Jüdischsein zu wissen, an einer antisemitischen Attacke auf einen noch kleineren, schwächeren jüdischen Studenten seiner Wiener Universität teilnimmt. Dieses Täterintrojekt, so Peichl, ist eine Machtposition, und unvermeidlich für diejenigen, die vorher das Opfersein durchlebten. Das innere Opfer, das ich so gnadenlos, unmenschlich zusammenschlage, ist ein Säugling, der für immer ungehört bleibt, ungefüttert, ungeliebt. Verängstigtes, dummes Vieh, das in seinem schmutzigen Verschlag frisst, ohne zu wissen, dass es für die Schlachtung gemästet wird. Ich würde eher verhungern als all das zu werden.

Durch Selbstzerstörung davor wegzulaufen ist eine Scheinlösung.

Du hast unrecht, liebes Junkie-Modell: das meiste, wenn nicht alles schmeckt besser als sich das Dünnsein anfühlt. Dünnsein bedeutet Schmerzen in Hüfte und Rücken, wenn der Sitz nicht gepolstert ist. Dünnsein heißt, immer einen Apfel in der Handtasche zu haben, falls man das Gefühl hat, dass man gleich bewusstlos wird. Dünnsein ist, die Leute, die am Hauptbahnhof Pommes essen, anschreien zu wollen. Dünnsein bringt auch keinen besonders guten Sex mit sich, egal, wer oder wie viele einen wunderschön finden. Wahrscheinlich wirst du erbärmlich frieren, sobald du die vielen Schichten Kleidung abgelegt hast.

Als ich mit der Tatsache konfrontiert war, dass ich vielleicht doch nicht ein Deutscher Mann war, ergriff mich eine unsägliche Angst: was, wenn ich in Wirklichkeit klein, dunkel, weiblich, schmutzig, hilflos, Jüdisch bin? Das darf nicht sein, also hungerte ich. Zusammen mit dem wunderschönen, künstlichen Hormon schwand Monat für Monat meine Lebensenergie. Das Bild zeigt mich kurz nach dem Höhepunkt meines Hungerns.

Der lange, harte Weg aus der Hölle ist der von Mitgefühl und Güte, sei es gegenüber einem eingepferchten Tier, einem schreienden Kind oder gegenüber der eigenen verletzten Seele, dem eigenen ungeliebten Körper.

Das sind die Dinge, die der Welt bitter fehlen.

The Long Hard Road Out of Hell

[eating disorder, antisemitism]

I don’t need you,

I’ll say it to myself

It doesn’t mean I won’t need somebody

Anyone with half a soul

Will hear this and they’ll never leave me

– Marilyn Manson, “15”

A common misconception about eating disorders is that they are about being cute and dainty, about pleasing The Men or the evil aunt who will mock you for your weight gain at family reunions. This may be the case for some, but it greatly obscures what eating disorders are truly about: Power and Control. An eating disorder is an addiction.

I sure want people’s attention, but not in order to be adored: I want to be able to cut out their eyes with my collarbones. I want to be Ubermenschian, never in need of food or love, a machine in destructive heat. Psychologist Jochen Peichl quotes Robert Menasse’s novel “The Expulsion from Hell“, in which an Austrian youth, ignorant of his own Jewishness, partakes in the antisemitic attack on an even smaller, weaker Jewish student of his Viennese university. The internalized perpetratorship is a position of power, Peichl argues, and inevitable for those previously having lived through victimhood. The inner victim I am severely, inhumanely beating is a screaming infant who is forever unheard, unfed and unloved. Scared, mindless cattle feeding in a filthy pen, unknowing they are being fattened for the slaughter. I would rather starve to death than becoming all of this.

Forever running from this through self-destruction is a fallacy, however.

You’re wrong, dear junkie model: most, if not all things taste better than being skinny feels. Being skinny means hip and back pain on any seat that isn’t upholstered. Beings skinny is carrying an apple in your purse at all times, for when you think you might faint. Being skinny is wanting to scream at the people eating fries at the Central Station. Being skinny also doesn’t mean great sex, regardless of who or how many may find you beautiful. Chances are you will be freezing miserably without many layers of clothes on.

When I was struck by the reality that I may be something else than a German Man, an unthinkable fear got ahold of me: what is I may, in fact, be small, dark, female, filthy, powerless, Jewish? This must not be, so I starved myself. Together with the beautiful artificial hormone, my lifeblood started leaving my body month by month. The picture shows me just after the peak of my starvation.  

The Long Hard Road Out of Hell is that of compassion and kindness, be it with a caged animal, a screaming infant or your own maimed soul and unloved body.

Those are the things this world is sorely lacking.

Ich bin bestimmt die Einzige – Marginalisierung und das Sich Alleine Fühlen

Als ich ein Kind war, wusste ich schon: Ich bin bestimmt die Einzige. Ich war die Einzige, die Schwierigkeiten hatte, die Fragen der Lehrer in der Grundschule zu verstehen. Ich kannte die Wörter nicht, die meiste Zeit musste ich raten. Ich war die Einzige, die scheinbar grundlegende popkulturelle Anspielungen nicht verstand, oder zu Hause keinen PC hatte. Ein paar Jahre später war ich die Einzige, die beleidigt war, die angegriffen wurde oder von Fremden gegen ihren Willen angefasst. Und warum regte ich mich überhaupt so auf! Das taten die Jungs nicht, oder? Ich war auch die Einzige, die einen tiefen Schmerz ohne Namen hatte, und ein dringendes Bedürfnis, das die Welt niemals hätte befriedigen können. Meine Wünsche und meine Existenz waren nicht einberechnet, nichts schien für sie gemacht zu sein, sie hätten nie sein sollen.

Nach der Operation fing ich an, zu atmen – mit großer Vorsicht, halb gekrümmt, um nicht die frische Narbe aufzureißen. Jetzt, dachte ich, würde mein deformierter und schrecklicher Körper, dem keine Kleidung jemals gepasst hatte, sich in Sicherheit durch die Welt bewegen, ein Bürger dieser Gesellschaft sein. Ich hatte es endlich verdient, fühlte ich. Manchmal denke ich, dass sich so meine Mutter gefühlt haben muss, als wir die deutsche Staatsbürgerschaft erlangten. Es ist nur so, dass man nicht deutsch werden kann, wenn man es nicht ist. Dein Fleisch wird dich verraten. Die Misshandlung wird nie aufhören.

Ich bin bestimmt der Einzige, dachte ich, als diese Gedanken auftauchten, als das Danish Girl mir zeigte, wie ihre zaghafte Weiblichkeit zwischen trostlosen nördlichen Landschaften und Grablilien hervortrat. Ich muss ein Verräter sein; niemand wird jemals verstehen. Es war schockierend für mich zu sehen, dass mir „weibliche“ Konfektionsgrößen gut passten. Ich hatte schon etwa fast ein Jahrzehnt keine „weibliche“ Kleidung getragen. Das einzige Problem war die Brust. Ich war bestimmt die Einzige, die so verunstaltet war, war ich mir sicher, weil das Bralette der kleinsten Körbchengröße locker auf meinen knochigen Rippen saß und die prächtigen Bandeau-Brautkleider, oder auch einfachen Cocktailkleider nicht für mich gemacht waren. Die Botschaft war klar: zerschnittene Mädchen haben es nicht verdient, schön zu sein. Die, die sich für Männer aufschneiden lassen, sind vielleicht von der Regel ausgenommen, aber was weiß ich schon.  

Eine der Verkäuferinnen im Sanitätshaus misgenderte mich sehr kalt, sie versuchte nicht, die Feindseligkeit in ihren Augen zu verbergen. Die andere sprach mich vorsichtig an und ließ mich verschiedene Größen anprobieren. Als ich ihr erlaubte, in die Kabine zu kommen und sie mein himmelschreiendes Hautgemälde sah, und die Verletzlichkeit, die es verstecken sollte, verstand sie. Oder auch nicht, aber sie half. Jedenfalls war ich dankbar, eine Frau mittleren Alters gefunden zu haben, die nicht versuchte, mich wegen meiner Weiblichkeit runterzumachen. Dankbarer als sie, die Fremde, jemals hätte wissen können. Sie gab mir zu meinem Einkauf eine Broschüre mit Meinungen von zufriedenen Kundinnen, neben deren Bildern. Ich sah eine Frau am älteren Ende des Erwachsenenalters, in weißer Spitze, fast bräutlich. Ihr Zitat sagte, dass sie sich nach der Operation nicht hatte vorstellen können, sich jemals wieder sexy zu fühlen. Ich fing an, zu weinen. Ich weine schon wieder, während ich das hier schreibe. All diese Frauen in der Broschüre waren über 40 und hatten gegen den Brustkrebs gekämpft, oder kämpften noch, eine Realität, vor der ich durch die Operation höchstwahrscheinlich geschützt bin. Ich war nie eine von ihnen.

Ich bin bestimmt die Einzige, dachte ich.

I Must Be The Only One – On Marginalization and Feeling Alone

When I grew up, I already knew: I must be the only one. I was the only one who had difficulties understanding the teachers’ questions in elementary school. I didn’t know the words, I had to guess most of the time. I was the only one not knowing seemingly basic cultural references, or the only one not having a PC at home. A little later, I started being the only one who was offended, or attacked, or touched against my will by strangers. And why were I even so mad about it! The boys weren’t, were they? I was also the only one who had a deep pain with no name, and a strong need that the world would never be able to meet. My wishes and my existence weren’t accounted for, nothing seemed to be made for them, they weren’t meant to be.

After the operation, I started breathing – with great caution, half bent-over as to not rip the fresh scar. Now, I thought, my deformed and hideous body which was wrong for all clothing could move through the world in safety, be a citizen of this society. I’ve finally earned it, I felt. Sometimes I think my mother must have felt this way when we became legally German. It’s just that you can’t become German if you’re not. Your flesh will betray you. The abuse will never stop.

I must be the only one, I thought when those ideas appeared, when the Danish Girl showed me her timid womanhood slowly emerging from dreary Northern landscapes and funeral lilies. I must be a traitor; nobody will ever understand. I was shocked to find that conventional women’s clothing sizes fit me well. I hadn’t worn “women’s” clothing for about nearly a decade. The only problem was the chest. I must have been the only one who was maimed like that, I was sure, since the smallest bralette size sit loosely on my bony ribs and those luscious bandeau wedding dresses, or even average cocktail dresses weren’t made for me. The message was clear: cut up girls don’t get to be pretty. Those who cut themselves up for men may be exempt from the rule, but what do I know.   

One of the sales assistants at the medical supply store misgendered me very coldly, she didn’t try to hide the hostility in her eyes. The other one addressed me cautiously and let me try on some sizes. When I allowed her into the changing room and she saw my outrageous skin painting, the vulnerability it hid, she understood. Or maybe not, but helped. Either way, I was grateful to have found a middle-aged woman who wouldn’t try to break me down for my femaleness, more grateful than she, this stranger, could ever know. She gave me a leaflet with my purchase, in which a satisfied customer provided a testimonial alongside her picture. I saw a woman on the older end of adulthood, dressed in white lingerie, almost bridal. Her quote said that after the surgery, she had thought she could never feel sexy again. I started to cry. I’m crying again as I write this. All women in the leaflet were past 40 and had fought or were still fighting breast cancer, a reality I was most likely spared from through the operation. I wasn’t one of them.

I must be the only one, I thought.   

The Anger of a Wounded Animal

[This text contains descriptions of racist violence.]

My analyst tells me that my constant anger is a position of power that I can’t let go of. I find that almost naive. I ask him whether he knows what it’s like to get angry in a discussion, especially a political one, with hostile people. As a woman. As a trans person.

There are things that should anger any decent person, but cause me a particular sharp pain when reading them. As if my chest imploded, I have tears in my eyes and cannot breathe. I haven’t always immediately understood why. One of those things is the racist hatred that arose when the role of Arielle, the Mermaid has been cast with a Black actress.

The story of the Mermaid is a painful one in itself for me. It’s the story of a vitally necessary transformation, a transition with great sacrifices. It’s the story of a person who has no voice. I know very well what it means to be mute in public, to be literally mute out of fear. After my transition, my voice came back – first as a kind of Ausweis paper, nudging me towards the “right” side at the border of gender, saving my life. Then, after I had transitioned back hormonally and cosmetically, my still deep voice was a thorn in the flesh, in the ears of all people who thought my gender was unambiguous, innocuous, harmless. I fully enjoy their discomfort.

It was the first time I, a white European, found out that long after the abolition of slavery in the USA, Black people have been still chased away from swimming pools. Those who resisted have been sprayed with acid. An unimaginable anger rose up in me. I will never know what it’s like to be Black in this society. I do, however, know what it feels like to have to avoid the water that I always loved. To be unwanted, to be driven away from such an important resource of life. Almost dream-like, I recall the memory of my first summer after the operation, running towards the water at a Portuguese beach, blinded by the deep-set afternoon sun, the icy ocean. My scar was still fresh and huge, red, raw, aching. I didn’t care. The people’s stares were unpleasant, but I tried not to see them. I had sacrificed so much and still had pains with every step I took, but I was free, had to finally be allowed to be free. I could cry when thinking about it, even to this day.   

My analyst once told me how he, growing up in rural Bavaria, as a child accompanied an adult friend at the hunt, and how it moved him to see that the hunter bowed down to each killed animal to beg for forgiveness. “This is pathetic”, I said, “how he tried to relieve his own conscience. The animal didn’t care, it was dead.” 

My analyst will never understand what it’s like to not get any power or respect for getting angry, but instead, being insulted, attacked, killed. My anger will never be anything but the anger of a wounded animal. But I still live. I still have a chance to scratch out their eyes.

There will be no forgiveness.

Die Wut eines verletzten Tieres

[Dieser Text enthält Beschreibungen rassistischer Gewalt.]

Mein Analytiker sagt mir, dass meine ständige Wut auch eine Position der Macht sei, dass ich sie deshalb so schwer aufgeben könne. Ich finde das fast schon naiv. Ich frage ihn, ob er weiß, was es bedeutet, in einer Diskussion, gerade in einer politischen und mit Personen, die feindselig sind, wütend zu werden. Als Frau. Als trans Person.

Es gibt Dinge, die jeden anständigen Menschen wütend machen sollten, die aber bei mir noch einen anderen, scharfen Schmerz auslösen, wenn ich sie lese. Als würde sich mein Brustkorb zusammenziehen. Ich habe Tränen in den Augen und kann nicht atmen. Nicht immer habe ich sofort verstanden, warum. Eine Sache davon ist der rassistische Hass, der laut wurde, als die Rolle von Arielle, der Meerjungfrau mit einer Schwarzen Schauspielerin besetzt wurde.

Die Geschichte der Meerjungfrau ist an sich eine schmerzhafte für mich. Es ist die Geschichte einer überlebensnotwendigen Verwandlung, einer Transition, die mit großen Opfern einhergeht. Es ist die Geschichte einer Person, die keine Stimme hat. Ich weiß bestens, wie es ist, in der Öffentlichkeit stumm zu sein, ganz buchstäblich stumm vor Angst. Nach meiner Transition kehrte meine Stimme zurück – erst wie ein Ausweispapier, das mich an der Grenze der Geschlechtlichkeit ein kleines Stück weiter auf die „richtige“ Seite verschob, mein Leben rettete. Dann, nach meiner hormonellen und kosmetischen Rückkehr, meine noch immer tiefe Stimme wie ein Stachel im Fleisch, in den Ohren aller Menschen, die glauben, mein Geschlecht sei eindeutig, harmlos, ungefährlich. Das Unbehagen sei diesen Menschen gegönnt.

Ich erfuhr als weiße Europäerin zum ersten Mal davon, dass Schwarze Menschen auch lange nach Abschaffung der Sklaverei in den USA noch aus Schwimmbädern verjagt wurden. Dass man diejenigen, die sich dem widersetzten, mit Säure übergoss. Eine maßlose Wut stieg in mir auf. Ich werde nie wissen, wie es ist, in dieser Gesellschaft Schwarz zu sein. Aber ich weiß bestens, wie es ist, das Wasser, das ich schon immer liebte, meiden zu müssen. Unerwünscht zu sein, von einer so wichtigen Lebensgrundlage verdrängt zu werden. Fast traumartig habe ich eine Erinnerung daran, wie ich im ersten Sommer nach der Operation das erste Mal an einem portugiesischen Strand dem Wasser entgegenlief, wie die tiefstehende Nachmittagssonne mich blendete, an den eiskalten Ozean. Meine Narbe war riesig und frisch, rot, wund, schmerzend. Das war mir egal. Die Blicke der Leute waren mir unangenehm, aber ich versuchte, sie nicht zu sehen. Ich hatte so viel geopfert und hatte noch immer Schmerzen bei jedem Schritt, aber ich war frei, musste doch jetzt endlich frei sein dürfen. Ich könnte weinen, wenn ich daran denke, auch heute noch.

Mein Analytiker erzählte mir einmal davon, wie er, im ländlichen Bayern aufgewachsen, als Kind einen erwachsenen Bekannten bei der Jagd begleitete, und wie es ihn berührte, dass der Jäger vor jedem Tier, das er tötete, niederkniete und betete, um Verzeihung. „Das ist erbärmlich“, sagte ich, „wie er versuchte, sein eigenes Gewissen zu erleichtern. Dem Tier war das egal, es war tot.“

Mein Analytiker wird wohl nie verstehen, wie es ist, nicht Macht und Anerkennung zu bekommen, wenn man wütend wird, sondern beschimpft, bekämpft, getötet zu werden. Meine Wut wird nie mehr sein als die Wut eines verletzten Tieres. Aber noch lebe ich. Noch kann ich ihnen allen die Augen auskratzen.

Es wird keine Vergebung geben.